Erfahrungsbericht von Silvia Meriggi, Projektleitung Rumänien, Animals Angels

heiß
ist es auf dem Parkplatz in Ungarn, wo ich mit meiner Kollegin Irene und unserem Praktikanten Javier auf einen Tiertransport warte. Von Ungarn werden unzählige Schafe, Lämmer und Rinder auf den langen Transport geschickt quer durch die EU und darüber hinaus. Und alles bei glühender Sonne! Vom Parkplatz aus beobachten wir die Straße.
Wir sehen einen beladenen Transporter und folgen ihm – durch ganz Ungarn und dann über die Grenze zu Rumänien. Ihr Ziel sei die Türkei, sagen uns die Fahrer bei einem Halt. Bei diesen Temperaturen? Jaja, natürlich – warum denn nicht? Und in der Woche davor hatten wir gerade eine Warnung an die EU-Länder herausgegeben, jetzt bei der Hitze keine Tiere auf lange Transporte zu schicken. Was müssen wir denn noch unternehmen, damit das endlich aufhört? – Wir beschließen, dem LKW weiter zu folgen, bis zum Ende. Irgendjemand muss doch Zeuge dieser Quälerei sein und ein Zeichen setzen!

Färsen auf dem Weg in die Türkei

Heifers
heißen junge Kühe, die noch keine Kinder geboren haben. Für diese jungen Tiere auf dem Transport gibt es in der brüllenden Hitze zwei Tage lang kein Wasser und nichts zu essen – und trotzdem können sie beim Entladen noch laufen. Ich staune: welche Leistung, trotz der langen Reise! Wer das nicht gesehen hat, kann es kaum glauben. Immer wieder gibt es solche Lichtpunkte in all dem Dunkel, kleine Wunder. Und in der Nacht erlebe ich auch etwas Ähnliches bei diesem Einsatz: Bei der Verfolgungsfahrt durch die Nacht wird es nämlich plötzlich einen Momenthell:Zum ersten Mal in meinen Leben sehe ich eine Sternschnuppe. Noch dazu eine richtig große und sehr helle. Eigenartig – da muss ich fast vierzig werden, um so ein Naturschauspiel zu erleben… und dann bei einem Einsatz, ‚bei den Tieren‘… Aus dem verwunderten Schauen und Staunen werde ich schnell wieder in die andere Wirklichkeit geworfen: Wir erfahren, dass eine große Anzahl Bullen aus der Tschechei wegen Zollproblemen an der Grenze aufgehalten werden – die Begleitpapiere sind nicht in Ordnung. Das haben wir doch schon so oft erlebt! Wenn die Tiere einmal an der Grenze sind, dürfen sie nicht mehr zurück in die EU. ‚Gesundheitliche Risiken‘ heißt das. Seit einem Monat stehen die Tiere nun schon dort – vier Wochen im Niemandsland! Wiehart
müssen die Herzen der Menschen sein, die sich nicht einigen können und die sich an den Papieren festhalten – wochenlang! Die Türkei lässt sie nicht herein. Die EU nimmt sie nicht zurück. Und die Händler schinden Zeit, um rauszukriegen, wie noch Profit mit den Tieren gemacht werden kann. Viele der Tiere sind bereits gestorben – Folgen des langen Transports in der Sommerglut. Wie Gefangene sehen sie für mich aus – zurückgelassen auf stinkendem Dung; Opfer der Gesetze und Regeln. Einige von ihnen sollen nun noch weiter transportiert werden – bei 45 °C in den Irak: noch einmal mehr als 2.000 km!

Die Bullen werden wieder auf den Transporter Richtung Irak verladen

Hilflos
muss ich zuschauen, wie sie noch einmal verladen werden, nachdem wir drei Tage mit ihnen ausgeharrt haben. Für uns ist klar, dass wir auch diese Tiere begleiten werden. Und deshalb müssen wir am Abend des nächsten Tages beobachten, wie die Tiere mit schmerzvoll gekrümmten Rücken, lahm, mit geschwollenen Beinen und taumelnd kaum noch zum Wassertrog kommen. Einige fallen an Ort und Stelle vor Erschöpfung um. Weiter, weiter! Innerhalb 48 Stunden müssen die Ärmsten weitertransportiert werden, ‘wegen der Vorschriften’… IhrHorror-Trip
geht nun tatsächlich weiter in den Irak. Dorthin können wir ihnen wegen des Krieges in Kurdistan nicht folgen – stattdessen verfolgen sie mich nachts im Traum, ohne Sternschnuppe… Immerhin ruft uns einer der Fahrer zwei Tage später an und erzählt uns, sie seien nun an der irakischen Grenze: Bullen aus Tschechien! – Die Sternschnuppe über dem Tiertransport spornt mich an, weiter zu machen für die Tiere. Ob dieses Himmelzeichen auch ein Zeichen derHoffnung
ist, kann ich kaum glauben. Ich weiß nur: Wir werden der Welt immer wieder zeigen, in welche Unterwelt von Profit, Gier und Elend die Tiere aus unseren Ländern gestoßen werden. Wir hören nicht auf. Wir gehen dahin, wo kein anderer ist. Wir sehen dahin, wo andere wegsehen.Cordialmente
Silvia Meriggi
Animals‘ Angels Newsletter Nr. 29/2017 | www.animals-angels.de